Reiten und Pferde

Reiten und Pferde begleiten mich ca. 40 Jahre. Gegenseitiger Respekt (nicht zu verwechseln mit Angst), Vertrauen und Verständnis sind die oberste Direktive.

In diesen langen Jahren habe ich immer wieder festgestellt, dass fast alle Pferde, wenn man es zulässt und sie geistig und körperlich nicht überfordert, gerne und willig bei der Zusammenarbeit mitwirken. 

Manche Reiter/Pferdebesitzer verstehen nicht die Zusammenhänge, warum z.B. ein Pferd heute gut an allem vorbeigeht und am nächsten Tag sogar schon vor vermeintlichen Staubkörnern scheut.

Genauso wie wir, haben auch Pferde gute und schlechte Tage. 

"Bei Wind ist er/sie nicht mehr zu gebrauchen..."

Das Pferd hat trichterförmige Ohren, die mit Haaren besetzt geschützt/bewachsen sind. Bei vermehrtem Wind entstehen wirbelnde Geräusche im Ohr (zu vergleichen mit dem Meeresrauschen der Muschel am eigenem Ohr). Weil sie nicht mehr richtig hören können, werden Pferde bei Wind häufig nervös und wollen am liebsten flüchten. 

"Mein Pferd scheut vor jeder Kleinigkeit..."

Ein Pferd besitzt auf Grund der seitlichen Lagen seiner Augen eine große Rundumsicht von nahezu 355°. Jedes Auge für sich sieht allerdings nur eindimensional. Dadurch sieht für ein Pferd zum Beispiel ein Fleck in der Reithalle oder ein Strauch im Gelände anders aus, wenn er mit dem rechten oder linken Auge gesehen wird. 

Nur mit dem geradeaus gerichteten Blick kann das Pferd mit beiden Augen die "Gefahr" erkennen. Sie können auch Bewegungen in weiter Ferne wahrnehmen, was sie hin und wieder veranlasst, plötzlich (meist ohne Vorwarnung) stehen zu bleiben und angespannt in eine Richtung zu schauen (die Lage sondieren, ob Gefahr besteht). 

"Gestern lief er/sie traumhaft. Heute scheint er/sie alles vergessen zu haben..."

Wissen Sie immer, was in der vergangenen Nacht oder den ganzen Tag lang im Stall/auf der Weide oder auf dem Paddock los gewesen ist?

Ob Ihr Pferd geschlafen hat oder ob es in der Nacht durch Unruhe (Katzen, die sich prügelten/ein streunender Fuchs, der Lärm gemacht hat), Krach (Gewitter/Schmerzen eines Boxennachbarn) oder Sonstigem nicht zur Ruhe gekommen ist? Ob es Streit mit einem seiner Kumpel hatte? Oder große Aufregung durch lärmende Traktoren, Autos, Kinderscharen etc? Das und noch mehr können Gründe sein, warum ein Pferd unkonzentriert ist und es den Anschein macht, als hätte es keine Lust zur Mitarbeit.

Auch wenn man es nicht immer merkt, sind Pferde sehr sensible Tiere, die Gemütsstimmungen oder eventuelle Schmerzen (Kopf-/Rückenschmerzen etc.) oder Anspannungen seines Reiters/Besitzers registrieren. 

Der Mensch sollte das Leittier sein. Ihm vertraut das Pferd. Treten nun solche Gemütsstimmungen auf, versteht das Pferd diese nicht und ist in Alarmbereitschaft (Spannung) versetzt.
Der Reiter reagiert wiederum mit Unverständnis auf sein Tier, das Tier wieder auf ihn und so ergibt sich eine Endlosschleife.
Das sind nur Bespiele, die bei einem gesunden Tier auftreten können.

Das Pferd ist ein Fluchttier, was heißt, dass es auch bei Schmerz oder Unbehagen davon läuft.


"Ich will rennen/Ich brauche Bewegung"
Manche Besitzer meinen aus Zeitmangel oder Unwissenheit, es reiche aus, wenn man sein Tier 2-3 mal pro Woche reitet. Manche meinen auch, dass täglicher Auslauf auf dem Paddock oder der Weidegang für ein Pferd genügend Bewegung ist, um dann am Wochenende ins Gelände reiten zu können.
Wenn ein Pferd uns Reiter auf Dauer durch die Welt tragen soll, braucht es Muskeln, die durch eigenständige Bewegung ohne Reiter nicht gebildet werden können. Es muss auch geradegerichtet werden, damit die Knochen, Bänder und Sehnen nicht falsch oder überbelastet werden. Dies erfordert ein dem Tier angepasstes Training.

Ein dem Pferd weniger gut angepasstes Training sorgt für Stress, körperliches Unbehagen bis hin zum Schmerz. Viele Pferde können das eine Weile kompensieren, z.B. durch Einrollen, durch "Sich-nicht-biegen-lassen", durch Wegrennen unter dem Reiter, durch die ständige Suche nach Ablenkung von der Arbeit.

Früher oder später kommt es aber zu körperlichen Beschwerden wie Magen-/Darmproblemen, Überbelastungen von Bänder, Knochen, Muskeln und Sehnen, Rückenschmerzen, u.a. 

 "Wenn wir nicht in der Steppe laufen können…"

Leider gibt es viele Höfe, wo aus Platzgründen weniger die Möglichkeit besteht, die Pferde annähernd artgerecht zu halten, sprich täglicher Auslauf auf ein groß angelegtes Paddock im Winter und Weidegang im Sommer. 
Auch eine sogenannte Paddockbox (eine 3 x 3 m lange Innenbox mit einer davor liegenden offenen Box in gleicher Größe) ist sehr löblich, aber leider nicht ausreichend, um den Bewegungsdrang des Pferdes zu befriedigen.
Mir ist bewusst, dass sich manche Gegebenheiten nur schwer ändern lassen.

Was ich möchte, ist mehr Verständnis für sein Tier zu schaffen. Nur wenn wir unser Tier verstehen und versuchen es pferdegerecht zu behandeln, werden wir lange ein glückliches und vor allem gesundes Pferd im Stall haben.